Meisterfeier Teil I - No surrender

Konditormeisterin! Yay!

Und in meinem Kopf spielt ständig Bruce Springsteen mit "No surrender": 

"We bursted out of class, had to get away from those fools; we learned more from a three-minute record, baby, than we ever learned in school. [...] So you're tired and you just wanna close your eyes and follow your dream down. Yeah we made a promise, swore we'd always remember - no retreat, baby, no surrender" 



Eigentlich weiß ich ja schon seit gut drei Wochen, dass ich mich ab sofort Konditoreisterin nennen darf und damit alle Recht habe, eine eigene Konditorei zu führen (was ich irgendwann sicherlich auch tun werde) und feinste Back- und Confiserie-Waren herzustellen und zu verkaufen. Aber so richtig angekommen ist es bei mir erst gestern Abend, als alle schulischen Feierlichkeiten vorbei waren und ich mein Schulzeugnis in den Händen hielt. Ich bin Meisterin. Yay! 

Selbsteinschätzung ist in Prüfungssituationen ja noch nie so ganz mein Ding gewesen. Damals dachte ich, ich sei durch die Gesellenprüfung geflogen - am Ende stand ich als Kammersiegerin da. Und auch diesmal wollte mein Gehirn mir noch nicht so ganz glauben, dass ich es tatsächlich geschafft hatte, obwohl es eigentlich klar war, seit ich am 9. Juli die letzten praktischen Prüfungen beendet hatte. 



Seit ich an jenem Donnerstagmittag in aller Eile und letzter Minute Zucker und Schokolade zusammengeklebt und mit zittrigen Händen den Dekoraufsatz auf den Baumkuchen gesetzt habe - keine Minute zu früh, gerade noch im erlaubten Zeitrahmen. 
Dann war es 13.00 Uhr, Produktionsstopp und alles, was noch zwischen mir und dem Meistertitel stand, war das so genannte "Fachgespräch", die mündliche Prüfung und die wohl schlimmste halbe Stunde meines Lebens. 

Ich hätte niemals gedacht, wie viel Schmarrn ich stammeln kann, wenn ich drei Mitgliedern der Prüfungskommission gegenüber stehe. Mein Kopf wie leergefegt, alles, was ich die letzten zehn Monate wie verrückt hineingehämmert hatte, war plötzlich weg. 
Mikroorganismen im Eis - welche gibt's da überhaupt? Baumkuchen? Ja, das könnte eine Sandmasse sein... Allergene in der weißen Schokolade? Sojalezithin, ja schon, aber sonst noch was? Milch? Sind Sie sicher, dass in weißer Schokolade Milch ist, Herr Prüfer? 
Wie gesagt - peinlich, peinlich. Und bei der Verabschiedung dann noch zu den Prüfern der Satz: "Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder!" 
Himmel, was war da nur mit meinem Mundwerk los? 

Aber nun ja. Nach diesem traumatisierenden Erlebnis, das nur den Abschluss einer harten Prüfungswoche bildete, wollte mein Kopf es einfach noch nicht wahrhaben, dass jetzt alles vorbei ist.

Der Montag gehörte der Situationsaufgabe, dem Teegebäck und der Pikanterie. Im Detail heißt das: kurz vor sechs begann die Prüfungswoche mit dem Einrichten des Arbeitsplatzes; um halb sieben bekamen wir dann mitgeteilt, welche "Überraschung" die Situationsaufgabe für uns bedeutete. In meiner Prüfungsgruppe waren das Spanische Vanille-Schnitte (hatte ich vorher noch nie gemacht) und klassische Windbeutel mit Kirschfüllung und Kirschwasser-Sahne. Wir hatten eine halbe Stunde Zeit, um die Rezepte dafür zu berechnen und abzugeben, dann begann die Arbeit in der Backstube. 



"Pikanterie" bedeutete, ein Flying Buffet - Fingerfood - für zehn Personen zu kochen: Fisch, Fleisch, Vegetarisch, Suppe. Bei mir gab es ein Lauchsüppchen, Ziegenfrischkäsetaler auf Salat, Zander auf Rote-Linsen-Salat und Thai Beef Salad mit Tomaten und Gurken. Den Rest der Arbeitszeit bis zum frühen Nachmittag widmete ich mich der Teegebäckmischung mit 5 Sorten Teegebäck und dem Experiment Spanisch Vanille, sowie den Windbeuteln. Witzigerweise gelang mir die Spanisch Vanille von diesen Gebäcken am besten, obwohl ich sie vorher noch nie gemacht hatte. 

Die darauffolgenden zweieinhalb Tage hatten wir Zeit für "das Schaufenster", in dem am Donnerstag um 13.00 Uhr eine Ladenanschnitttorte mit Stückdekor und Dekoraufsatz, ein Baumkuchen mit Dekor, eine garnierte Eisspeise, sechs Sorten Pralinen, vier Sorten Petits Fours/Mousse Fours, drei Sorten süßes gefülltes Blätterteiggebäck, vier verschiedene Marzipanfiguren (à 3 Stück) und ein Schriftband eingeräumt sein mussten.  Alles komplett essbar, alles von der Pike auf selbstgemacht und alles auf ein selbstgewähltes Thema in Geschmack und Optik abgestimmt. 

Die vorbereitenden Arbeiten, die Produktentwicklung ebenso wie die Schaufenstergestaltung, haben die vergangenen Monate geprägt. Mein Leben fand zwischen Stoffproben-Kaufen und Styropor-Treppen-Basteln statt und ich bin jetzt eine Meisterin im Vertikal-Bügeln. Kann auch nicht jeder, nicht wahr! (Ignoriert bitte, wie fertig ich auf diesem Foto aussehe... ich hoffe, dass ich mich bald etwas vom Prüfungsstress erholen werde und dann auch die Augenringe wieder verschwinden...) 



In der Retrospektive lässt sich nur schwer zusammenfassen, warum dieses Schuljahr so kräftezehrend und die Prüfungsvorbereitungen so nervenaufreibend waren. 

Diejenigen unter euch, die während dieser Zeit auch persönlich mit mir in engem Kontakt standen, haben live miterlebt, welche Höhen und Tiefen dieses Schuljahr mit sich gebracht hat. Vielen Dank an dieser Stelle für eure unermüdliche Unterstützung, das Verständnis und die vielen aufmunternden Worte - und dass ihr mich davon abgehalten habt, einfach die Koffer zu packen und der Faszination Neuseeland zu erliegen. ;) 

♥︎sabrina



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