Meisterschule // Verlorene Leidenschaft {oder: Das Touchon schmeißen - Teil II}

Schon bei meinem ersten Konditorei-Wettbewerb habe ich mich gewundert, warum die Unterschiede zwischen den ausgestellten Azubi-Arbeiten und den Werken der Meister gar nicht so groß sind, wie man vielleicht annehmen würde.

Damals (nach 6 Monaten Lehrzeit, auf der INTERGASTRA in Stuttgart) habe ich Meisterwerke bewundert und mich vom Anblick der süßen Kunst verzaubern lassen, kritische Vergleiche angestellt und versucht zu ergründen, warum sich das fachliche Niveau und der Ideenreichtum, der in den Schaustücken von Azubis, Gesellen und Meistern dargestellt wird, oftmals auf Augenhöhe begegnet. Inzwischen kenne ich den Grund dafür. 



Als Azubi war ich motiviert, voller Tatendrang und bereit, meinem Chef und der Welt endlich zu zeigen, was in mir steckt. Ich wollte mich beweisen, mich kreativ ausleben und all die Techniken, die ich mir von Meistern und Gesellen abgeguckt hatte, endlich selbst perfekt anwenden können. 
Heute stehe ich kurz vor der Meisterprüfung und habe das Gefühl, auf dem fachlichen Stand eines Schülers vor der Berufsausbildung zu stehen. Ich kann plötzlich keinen Zucker mehr blasen, obwohl ich damals im dritten Lehrjahr ein perfektes Obstkörbchen aus geblasenem Zucker auf die Reihe gekriegt hab - heute ist schon eine verhältnismäßig einfache Kugel eine schier unlösbare Herausforderung. Das Schaustück auf meiner Gesellentorte bestand aus Kuvertüre - heute wird mir jede Schokolade grau, sobald ich sie nur schief anschaue. Der Sinn für Perfektion, der früher immer mein Markenzeichen war, kommt mir abhanden. 

Jeden Tag rund um die Uhr für die Meisterschule da zu sein, dafür zu arbeiten bis zum Umfallen (und das meine ich wörtlich!) und sich ständig neue, kreative Produkte ausdenken zu müssen, von denen man nicht einmal weiß, ob sie umsetzbar sind, sie jedoch sofort in Perfektion herstellen muss, zehrt an meinen Nerven. 

Ich werde tagtäglich müder, ungeduldiger und unkonzentrierter. Die Schule nimmt mein gesamtes Denken ein und zwingt mich, bis spät in die Nacht zu arbeiten, auch wenn der Zeitpunkt, an dem Dinge vor lauter Müdigkeit einfach nicht mehr gelingen, längst überschritten ist. Frustessen und Power Napping sind die einzigen kleinen Unterbrechungen in diesem horrenden Tagesablauf, diesem Tunnel, in dem ich mich befinde, und in dem meine einzige Daseinsberechtigung zu sein scheint, immer mehr abzuliefern, immer kreativer zu sein, immer besser zu werden. Dabei werde ich ständig schlechter. 

Ich bin nicht die Einzige, der es so geht. Innerhalb der Klasse hat fast jeder diese oder ähnliche Symptome in der einen oder anderen Ausprägung. Das Schlimme ist nur, dass es "die Welt" - mein Umfeld, die Leute, mit denen ich meine Freizeit verbringe und die ich liebe - nicht nachvollziehen kann. Und ich kann ihnen nicht einmal einen Vorwurf machen, wenn sie versuchen, mir mit den Worten: "In zwei Monaten hast du es geschafft!" Mut zusprechen wollen. Sie verstehen einfach nicht, warum jeder Tag, an dem man zur Schule gehen muss, eine Qual ist. Warum man sich morgens zwingen muss, aufzustehen und einfach jeden Tag weiterzumachen. Und die Gründe für dieses Gefühl sind rational nicht zu erklären, unmöglich in Worte zu fassen. Psychoterror auf hohem Niveau, vielleicht. 

Anfang des Schuljahres wurden wir gewarnt, dass dieser Punkt kommen würde, an dem uns keiner mehr aus dem Tunnel holen kann. Wir hielten es für Panikmache (denn davon gibt es auch recht viel an dieser Schule), aber es stimmt. "Draußen", im echten Leben, versteht keiner, welchen Druck die Vorbereitung auf diese Prüfung mit sich bringt und es kommen immer wieder Zweifel auf, ob das allen Meisteranwärtern so geht, oder ob das ein Phänomen ist, das mit dieser einjährigen Meistervorbereitung in München einhergeht.



Das Schlimmste an der Sache ist wohl, dass ich irgendwo auf dem Weg zum Meister mein altes Ich zu verlieren scheine. Den Kampf gegen die Rechtschreibfehler an den Tafeln der Schule habe ich längst aufgegeben - in meine eigenen Texte schleichen sich längst viel zu viele ein. Die Perfektion musste dem Termindruck weichen. Und die Leidenschaft für den Beruf... sie schwindet. 

Ich funktioniere wie ein Roboter, quäle mich in letzter Minute aus dem Bett, zwinge mich, in die U-Bahn zu steigen und zur Schule zu fahren, und wenn ich nach Hause komme, bleibt nicht viel Zeit für Abendessen kochen, Wohnung putzen oder einfach mal ein Viertelstündchen entspannen. Stattdessen stopfe ich mich mit Süßigkeiten voll und breche in Tränen aus beim Anblick des mit Kreidestaub vom letzten Zeichnen-Marathon übersäten Teppichs. 

Ich bin wieder so weit. An dem Punkt, an dem ich am 17. Januar schon war und an dem ich seit Ostern wieder festhänge. An dem Punkt, an dem ich ständig damit liebäugele, das Touchon zu schmeißen, wegzugehen, die Schule hinter mir zu lassen und einfach nie wieder hinzugehen. Nur dass es diesmal viel länger und noch viel schlimmer ist als es vor Weihnachten war. 

Aber natürlich wäre es dumm, so kurz vor dem Ziel aufzugeben und all die bislang investierte Zeit und Mühe und nicht zuletzt die finanziellen Mittel einfach in den Wind zu schießen. Und weil ich immer durchziehe, was ich mir vorgenommen habe, werde ich es wohl auch dieses Mal tun müssen. Und ich klammere mich an die Hoffnung, dass ich irgendwie auch wieder zu meinem alten Ich zurückfinden werde, wenn all das vorbei ist - denn es war zwar nicht perfekt... aber ich mochte mein "Grammatik-Nazi"-mäßiges, perfektionistisches, ehrgeiziges Ich. 

♥︎sabrina

9 Kommentare :

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    1. Danke, Birgit! Ich fühle mich in der Tat gedrückt!
      Liebe Grüße,
      sabrina

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  2. Hallo Sabrina,
    dein text hat mich sehr berührt und ich möchte Dir Mut machen!
    Dies ist eine sehr harte Zeit und du schreibst darüber so ehrlich, offen und auch selbstkritisch. Und das ist schon ein große Gabe.
    An Dich werden täglich neue Aufgaben gestellt, die nicht der normalen Routine entsprechen. Du schaust aus einem anderen Blick auf die Dinge.
    Viel Neues kommt täglich dazu. Und da ist es normal, dass du dagegen wehrst und du kaum noch was aufnehmen kannst.
    Aber ich habe mal einen sehr netten Konditormeister gekannt.
    Er hat mit viel Weiblick, Phantasie und Ergeiz eine eigene erfolgreiche Existens geschaffen.
    Er akm aus Nurnberg und er sah hier seine Zukunft.
    Vielen Menschen gab dadurch Arbeit und Lohn , aber vor allem Fruendschaft und Wertschätzung .
    Und nie vergesse ich die Worte, wenn ich mal alles auf einmal nicht schaffte:
    " Es gibt Rangiges und Vorrangiges".
    Und das half mir alles zu sortieren und abzustufen.
    Da kann auch mal was unwichtiges wegfallen oder verschoben werden.

    Selbst bin Meisterin der ländlichen und städtischen Hauswirtschaft.
    Dies Ausbildung machte ich mit drei kleinen Kindern als ich Mitte bis Ende Zwanzig war.
    Wir hatten einen Hof und ich wollte junge Menschen ausbilden.
    Nach meiner Ehescheidung mit 30 habe ich alleinerziehend noch die Ausbildung zur Fachlehrerin gemacht. Damals war ich auch ziemlich verunsichert. Doch mit der Routine kam die Freude am Unterrichten an einer Berufsschule.
    Setzt dir ein Ziel, dann siehst du auch das Ende des Tunnels.
    Liebe Grüße von Frauke , die nun nicht mehr im Beruf ist.



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    1. Liebe Frauke, vielen Dank für deine ermunternden und anrührenden Worte! Sie bauen mich gerade wirklich auf - und nicht nur die Worte an sich, sondern auch deine Erfahrungen, von denen du berichtest. Es macht einfach Mut, zu lesen, dass es Menschen wie dir, die im Leben schon viel erreicht haben, auch nicht immer so leicht fiel, berufliche Entscheidungen zu treffen und durchzuziehen!
      Und das Zitat des Konditormeisters sollte ich mir gleich mal auf das Schwarze Brett schreiben, denn das ist wirklich eine gute Einstellung!
      Danke und liebe Grüße!
      Sabrina

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    2. Liebe Sabrina es berührte mich auch sehr wie ernst und wie wichtig dir dies ist. Danke es freut mich sehr , dir damit Mut gemacht zu haben liebe Grüße Frauke

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  3. Noch ganz viel Kraft und Mut auf der letzten Durststrecke! Fühl Dich gedrückt!

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  4. Oh man, wenn ich das so lese, mache ich mir wirklich immer mehr Sorgen um dich. Ich würde so einen Alltag mit dauerndem Druck, Stress und ohne ausreichende Erholdung gar nicht aushalten - und es auch nicht wollen. Das ist kein Leben, das ich führen will. Aber ich habe großen Respekt davor, dass du es schaffst und durchziehen willst! Denn auch wenn dieses "es ist doch nur noch so und so lange" eine plumpe Aussage sein mag, es ist wahr. Den Großteil hast du hinter dir! Und es ist völlig normal, dass bei so viel Input und Stress auch mal was verloren geht, seien es schon erlernte Kenntnisse, die Leidenschaft oder ein Teil des Selbst. Ich bin mir aber sicher, dass das alles wiederkommen wird und du außerdem an der Erfahrung wachsen wirst! Ich wünsche dir noch viel Kraft für den restlichen Weg!!! Achja und sorry, dass ich schon wieder nicht auf deine Mail geantwortet habe, das werde ich noch tun. Wie ich das sehe, hättest du wiederum ja aber auch keine Zeit, zu antworten. :D Ich drück dich!!!!

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    1. Dankeschön für die lieben Worte! Inzwischen stehe ich mitten in den Theorie-Prüfungen und das Ende ist sowas von abzusehen, das ist wie das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels. Leider muss man auch festhalten, dass viel von diesem Druck auch "künstlich" ist und von außen - also von den Erwartungen der Lehrer - aufgebaut wird. Aber wie gesagt: heute in einer Woche ist das Schlimmste bereits geschafft. :) Und dann bekommst du auch wieder ausführliche Mails von mir. :D

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