Eine Liebesgeschichte... of some sort

Ein kleiner, bunter Raum mitten in der Stadt. 
Zusammengewürfeltes Mobiliar, das wirkt, als sei es auf dem Flohmarkt zusammengeklaubt worden. Spontan-Käufe: abgewetzte Holztische, rund und eckig, Stühle, Hocker und Bänke in allen Formen und Farben, die sich auf wundersame Weise zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt und mit den außergewöhnlichen Collagen und Graffiti-Kunstwerken an den Wänden ein harmonisches Gesamtbild ergeben haben. 
Alles wirkt ein bisschen schäbig, abgewetzt und gleichzeitig hip. Junges Publikum fühlt sich hier ebenso wohl wie intellektuelle Einsiedler, Kreative oder Junkies. Der Raum verströmt ein bisschen Kunst, ein bisschen Kultur und viel Individualität. 


Man ist hier irgendwo zwischen Hippie-Kommune und Kunstmuseum, Omas Wohnzimmer und Café-Bar.

Und das Prachtstück steht an der Theke. 

Flinke Hände schrauben an abgewetzten Griffen, lassen Dampf ab, klopfen, schwenken, schäumen, schütten. Eingehüllt von rassigem Espresso-Duft, umschwadet von Dampf, zaubert der Barista mit einer lässigen Selbstverständlichkeit innerhalb kürzester Zeit verführerische Heißgetränke. Flat White, long black, caffe latte. Während seine Hände wie von selbst die alte, zuverlässige Siebträgermaschine bedienen und er Kollegen im Hintergrund Anweisungen zuruft, hat er noch immer Zeit für einen kleinen Flirt über die Theke - und trotzdem ist es die braun-rötliche Flüssigkeit, die, während sie beinahe andächtig in den Becher läuft, seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, unterbrochen nur vom abschätzenden Blick ins Milchkännchen, wenn die Geräusche leiser werden und der Schaum die richtige Konsistenz erreicht. 

Unzählige Male habe ich während meines Studiums so in meinem Stammcafé in Wellington am Tresen gestanden und meinem Lieblingsbarista bei der Arbeit zugeschaut. Heute, beim Kaffee-Seminar in der Schule, kamen die Erinnerungen daran zurück, als wäre es erst gestern gewesen. 
Der Gedanke an dieses kleine Café mit seiner skurrilen Einrichtung, den abgeklärten Leuten und dem charmanten Kaffeekünstler vernebelte mir kurzzeitig das Gehirn - sodass ich bei meinem Latte Macchiato prompt den Kaffee vergaß und einfach mal nur Wasser aufbrühte. Peinlich, eine kleine Lachnummer - aber nun ja, passiert. Jeder Kaffeejunkie, der so wie ich in Neuseeland seinen Flat-White-Himmel auf Erden gefunden hat, wird nachvollziehen können, warum ich heute etwas neben mir stand. 



Mehr als acht Stunden lang über nichts als Kaffee zu reden und dabei an all die schönen Momente zu denken, die man mit diesem Getränk verbindet, kann schon mal zu kurzen Aussetzern führen. 

Das Seminar mit Barista Axel Jahraus begann mit einer Fülle an Hintergrundwissen und Fachtheorie rund um Kaffeesorten, Anbaugebiete, Röstverfahren und Zubereitungsweisen. Manches wusste ich schon, viele Themen wurden heute noch vertieft und je mehr ich über Kaffee erfuhr, desto brennender mein Interesse. 
Am frühen Vormittag legten wir dann los: Milchaufschäumen für Anfänger, erste "Gehversuche" mit der Dampflanze. Und wenn man, wie gesagt, mal davon absieht, dass ich zwischendurch den Kaffee vergaß, klappte der Latte Macchiato eigentlich ganz gut. Insgesamt ein toller Tag, an dem ich allerhand Neues lernen und viiiieeeel guten Kaffee trinken durfte. 

Als Konditoren interessierte meine Klasse neben diversen Kaffee-Spezialitäten natürlich auch ein anderes Thema: Trink-Schokolade. Wir flitzten los, holten diverse Sorten aus dem Magazin (die gute von Valrhona, natürlich), mahlten und raspelten, mischten, rührten und schäumten und versuchten, gemeinsam mit dem Barista-Meister, die perfekte heiße Schokolade herzustellen. Geschmacklich und optisch erkundeten wir viele Möglichkeiten und experimentierten sogar mit Karamell-Schokolade. Am Ende hielten wir fest, dass auch die heiße Schokolade eine individuelle Geschichte ist, deren Herstellung einfach zum Betriebsablauf im Café und zu den Ansprüchen und Erwartungen der Kunden passen muss. 

Am Nachmittag kam dann endlich der Höhepunkt: Latte Art. 
Schon in Neuseeland hatte es mich fasziniert, dass man den billigsten Kaffee im schlechtesten Café hatte kaufen können und trotzdem immer einen Farn im Milchschaum hatte (und schmackhaften, qualitativ guten Kaffee dazu!). In Deutschland kann man ja manchmal schon froh sein, wenn die Bedienung im Café überhaupt weiß, was eine Siebträgermaschine ist! 

Seit heute weiß ich: eben mal so locker aus dem Handgelenk einen Farn in die Tasse zaubern, ist nicht. Hier fängt der Nachwuchs-Barista in der Regel mit einfachen Motiven wie Herzen an und arbeitet sich nach und nach zur nächsten Schwierigkeitsstufe hoch. (In Neuseeland ist das scheinbar umgekehrt, aber dort ist ja bekanntlich vieles genau anders herum als bei uns.) 



Mein erster "richtiger" Cappuccino ist doch ganz gut geworden - der Schaum ist klasse, ein Herz erkennbar, geschmacklich ein Traum. Und mit all den hochgeschwappten, aufgefrischten Erinnerungen, dem Herzschmerz und dem Heimweh, stellt sich doch wieder die Frage, ob mich mein Weg nach der Meisterschule nicht bald wieder ins Land des Flat Whites auf der anderen Seite der Erdkugel führen wird. 
Coffee, my love; New Zealand, my love. 

♥︎sabrina

2 Kommentare :

  1. Okay, das liest sich wirklich fein, aber .... wo verdammt ist das Rezept für die perfekte Trinkschokolade?! :DDD

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    1. Konditoren-Geheimnis ;) Wir verraten gerne unsere Tricks im weiten Internet und in Fachzeitschriften, teilen mit Möchtegern-Bäckern ebenso bereitwillig wie mit ambitionierten Hobby-Konditoren... aber ein paar Geheimnisse müssen wir uns auch bewahren dürfen. :D

      ♥︎sabrina

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