Die königliche Torte - ein Drama, für das das Internet auch keine Lösung wusste

Das Internet hat immer eine Lösung. Dachte ich bisher jedenfalls. Bis ich mich letzte Woche in einer backtechnischen Zwickmühle befand, den Tränen nahe war und einfach nicht weiter wusste. Und in dem Moment starb er, mein tiefer Glaube an das Internet. Denn das hatte für mein Problem auch keine Lösung. 

Aber ganz von vorne: Der Auftrag, der mich vor so viele Herausforderungen stellte, war eine Geburtstagstorte, die ich auf der Arbeit für ein asiatisches Königshaus machen sollte. Bereits seit Wochen waren die Verhandlungen mit dem zuständigen General, der für die Feier des Königshauses die Speisen zusammenstellen sollte, hin und her gegangen. Es gab eine Probetorte zwecks der Optik, zwei Probetorten für den Geschmack. Und ein Bühnenbild, das sich in der Deko der Torte wiederfinden sollte. 



Laktosefrei sollte sie sein, mit Marmelade gefüllt, aber nicht zu süß, fliederfarbene Füllung, aber am Ende wurde es dann doch Mango - gelb natürlich. Nach dem all diese Hürden überwunden und das Innere und Äußere der Torte anhand vieler Skizzen und Aufschriebe klar dokumentiert worden war, konnte ich endlich loslegen. Happy darüber, endlich einmal wieder eine richtige Torte machen zu dürfen (im Hotel kommt das schließlich eher selten vor), setzte ich die laktosefreie Mangosahne ein. 

Dass ich bereits in den fünf Nächten zuvor Albträume hatte, verdrängte ich zunächst einmal. Am Tag der Tage nahm die Torte aus der Kühlung, entfernte den Rahmen, strich die Seiten dünn mit Creme ein und beschloss, dass jetzt der Moment gekommen war, da Verdrängung einfach nicht mehr half. Ich musste der Realität ins Auge sehen und die Torte überziehen. Mit Konfitüre. Blaubeere. Auf Wunsch des royalen Kunden. Keine Creme, kein Fruchtspiegel. Nur Konfitüre. 
Mir war klar, dass das schwierig werden würde, doch leichter zu realisierende Vorschläge von Seiten der Pâtisserie wurden gleich zu Beginn abgelehnt. Mit Konfitüre sollte die Torte überzogen sein, alles andere sei ja wohl eindeutig "zu süß". 
Als ich nun also die aufgekochte, passierte und mit Gelatine abgebundene Blaubeer-Konfitüre über die Ränder der Torte goss und schaute, was passierte, musste ich mir einen Schrei des Entsetzens verkneifen. Sie lief und lief und lief. Der Rand war leicht rötlich-blau gesprenkelt, der Biskuit oben auf der Torte sog sich mit der Flüssigkeit voll - und ich konzentrierte mich einfach nur darauf, weiterzuatmen und nicht zu schreien. 

Als zehn Minuten später die Jungs aus der Kalten und Warmen Küche einen Blick in die Pâtisserie warfen, hatte ich die Torte bereits fünf Mal überzogen, doch sie sah noch immer genauso aus: eine rot-blaue Kraterlandschaft, uneben, unschön und so weit von einer Torte entfernt, dass man meinen konnte, ich hätte ein Massaker veranstaltet. Vom Rand, an dem der Guss einfach nicht hielt, ganz zu schweigen. Ich war in dem Moment wirklich kurz davor, in Tränen auszubrechen. 
Die Jungs gaben wenig hilfreiche Ratschläge, lachten über das Desaster auf dem Tisch und ließen mich dann wieder allein. Der Tisch, der Boden, ich - alles war voller Blaubeere-Konfitüre. Im schlimmsten Kriegsgebiet konnte es wohl nicht schlimmer aussehen.


Ich ging in den Froster, um mich zu beruhigen, dann auf die Toilette. Weinen würde ich nicht, das hatte ich mir geschworen. Nicht vor den Köchen und nicht wegen einer bescheuerten Torte. 
Also ging ich zurück an meinen Arbeitsplatz, schluckte, wischte die einzelne Träne, die es irgendwie geschafft hatte, aus meinem linken Auge zu tropfen, weg, und stellte mich der Herausforderung. Ich googelte. "Torten mit Marmelade überziehen", "Guss aus Konfitüre" und dergleichen. Und kam zu dem Ergebnis, dass sowas wohl noch niemand gemacht hatte. Aus dem einfachen Grund, weil es wohl das Bescheuertste ist, was man mit einer Torte machen kann. Man kann sie überziehen, eindecken, einen Fruchtspiegel draufmachen - aber eine riesige, rechteckige Torte mit Konfitüre zu überziehen, ist schlichtweg Wahnsinn. 

Eineinhalb Stunden später hatte ich mindestens 14 Mal Konfitüre drübergekippt und wieder glattgestrichen, dann gab ich das Zählen auf. Irgendwann hielt der Guss dann auch an den Seiten. 
Ich fühlte mich ausgelaugt, packte wie in Trance meine Sachen zusammen, stellte die Torte ins Kühlhaus und ging nach Hause. In der Nacht schlief ich ebenfalls schlecht. 



Am nächsten Morgen schoben wir die Torte heil vom Gitter herunter auf die Servierplatte - erst ab diesem Zeitpunkt kehrte meine innere Ausgeglichenheit zurück und ich konnte sie in Ruhe dekorieren. Rosa Einhörner, bunte Blumen, gelbe Schrift auf weißem Schild, weiße Schrift auf lila Schild und das alles auf einer gelben Torte, die eine dunkelblaue (dank Gelatine inzwischen gummiartige), glänzende Masse umgab. 

Mit anderen Worten: die mit Abstand seltsamste und kitschigste Torte meiner Karriere. Und meine erste Torte, die sich im Bühnenbild der Geburtstagsfeier wiederfand.
Aber der General segnete sie mit einem Nicken ab, grinste und damit war der Fall erledigt. 

♥︎sabrina

P.S.: Bitte entschuldigt die miserable Bildqualität - ich war an diesem Tag einfach nicht mehr in der Lage, schöne Fotos zu machen. 

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